Tipps für Entdecker
Jenseits von Mangas und Kirschblüten
Tokio gilt als hektische Großstadt, Mega-Koloss und schriller Trendsetter. Doch stimmt das eigentlich? Japan-Spezialistin Francoise Hauser ist der Stadt auf den Grund gegangen.
Flackernde Leuchtreklamen, gefährliche Kugelfisch-Menüs, High-Tech-Toiletten und gigantische Menschenmengen: Auf alles ist der ausländische Besucher in Tokio vorbereitet – nur nicht auf sprechende Getränkeautomaten. Wenn morgens um sieben an einer einsamen Ecke eine blecherne Stimme aus einem Automaten dröhnt „wie wär's mit einem Kaffee?“, hatte bisher noch jeder Europäer eine Schrecksekunde.
So einzigartig diese Szene ist, so typisch ist sie doch für diese Stadt, der tausende Klischees anhängen. Nicht ohne Grund: Natürlich gibt es in Tokio massenhaft Manga-Leser, anrüchige Love-Hotels, Cosplay-Fans, die in den Outfits ihrer Comic-Idole durchs Leben gehen und natürlich die berühmten „Salarimen“, die schuften bis zum Umfallen, wenn sie nicht gerade unter Kirschblüten sitzen. Wer sich von Tokio überraschen lassen will, braucht jedoch nicht zu warten, bis der Kaffeeautomat die Initiative ergreift. Er sollte einfach ein paar Meter von der Hauptstraße abbiegen. Hier unsere Vorschläge:
1. Tokio transzendental: Yanaka 谷中 Schiefe Holzhäuser, enge Gassen und kleine Nachbarschaftscafés zwischen Kübelpflanzen – aus dem Schrein dringen Glockenschläge, am Straßenrand halten zwei Seniorinnen – auf ihren Stock gelehnt – ein ausgiebiges Schwätzchen. Nur der mobile Tofuhändler, dessen Tröte auch die ältesten Bewohner Yanakas noch aus der Schwerhörigkeit holt, zerreißt die Stille. Das soll Tokio sein? Auf den ersten Blick wirkt der Stadtteil Yanaka mit seinen grünen Gärten und schmalen Wegen kein bisschen städtisch und liegt doch mitten in der Kapitale. Jedes dritte Haus in Yanaka entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Tempel oder Schrein: Nach dem großen Feuer von 1657 ließ der Edo-Shogun Tokugawa Ietsuna alle Gotteshäuser der Hauptstadt in den damaligen Vorort verlegen: Die so entstandenen Lücken sollten als Brandschneisen dienen, und auch die Tempel waren nun vor Katastrophen geschützt. Rund 100 Tempel und Schreine stehen seither dicht an dicht. Definitiv eine der erholsamsten Ecken Tokios! Anreise: U-Bahn Station Nippori 日暮里駅
2. Grünes Tokio: Ueno 上野 Nur wenige Schritte südlich von Yanaka schließt der Stadtteil Ueno an. Nirgendwo sonst lässt sich die Vielfalt der Stadt auf so engem Raum erleben. Der gigantische Ueno-Bahnhof ist zur Rush Hour kein Ort für schwache Nerven: endlose Tunnel, Übergänge, Menschenmengen, dazwischen Geschäfte, volle Restaurants und Cafés. Zu Abertausenden strömen die Menschen zu und von den Zügen und U-Bahnen durch den Bahnhof. Und doch sind es nur wenige Meter bis in den Ueno-Park vor dem Eingang der Station. Rund um den Shinobazu-See reihen sich die Museen von Weltformat, dazwischen schlendernde Liebespärchen und Imbissbuden. Vor allem das Tokyo National Museum und das Tokyo Metropolitan Art Museum sind einen Besuch wert – und sei es nur, um den Museumsshop zu plündern. Anreise: Bahnhof Ueno 上野駅
3. Tokio digital: Akihabara 秋葉原 Gälte es, alle Tokio-Vorurteile konzentriert und überdeutlich dazustellen – das Viertel Akihabara (auch als Electric Town bekannt) würde sich dafür perfekt anbieten. Zwischen Technikläden, Internet-Cafés und Manga-Geschäften tummelt sich so ziemlich alles, was unter den Sammelbegriff „Otaku" fällt: Menschen, deren Lebensplan mit der Realität nicht mehr viel zu tun hat. Darunter alle Arten von Cosplay-Fans in schrillen Kostümen oder aber „White Socks“, Mädchen im Schulmädchen-Look, die sich in den legendären „Maid-Cafés" verdingen und ihre (männlichen) Kunden mit einem devoten „Master" umschmeicheln. Was man nicht missverstehen sollte: Die Dienste der Mädchen sind absolut jugendfrei. Wer sich die skurrile Szenerie selbst anschauen möchte, ist im @Home Cafe richtig, wo einige Maids auch Englisch sprechen (@Home Café, 7. Etage des Mishiwa Buildings, Chuo Dori, 1-11-4 Soto Kanda, gegenüber Akihabara Station 外神田 1-11-4 ミツワビル7F.) Anreise: U-Bahn und S-Bahn Station Akihabara 秋葉原駅
4. Future Tokyo: Odaiba お台場 Die künstliche Insel vor Shinagawa wurde in den 1990ern zur Freizeitattraktion ausgebaut, und gerade das macht sie so sehenswert - dann was bedeutet Freizeit eigentlich auf Japanisch? Odaiba beherbergt gleich zwei große Attraktionen in unmittelbarer Nähe zueinander: Das Museum of Emerging Science and Innovation (www.miraikan.jst.go.jp/en/) zeigt, wie das Leben von morgen aussehen könnte. Hier werden Roboter, elektronische Dienstboten und allerhand andere Zukunftsvisionen interaktiv ausgestellt. Quasi gegenüber liegt das Badeparadies Oedo Onsen Monogatari (www.ooedoonsen.jp) – die beste Gelegenheit, im Stil des alten Tokio in den heißen Quellen zu plantschen.
5. Sumo-Town Ryogoku 両国 Japanischer wird's nimmer. Das Viertel Ryogoku ist das Zentrum des Sumo-Lebens. Shops mit Übergrößenprogramm, Restaurants, die ausschließlich den Krafteintopf Chanko-Nabe servieren und jede Menge „Sumo-Ställe", wo bis heute die Jung-Sumos leben und trainieren, säumen die Straßen dieses außergewöhnlichen Stadtteils. Auch wenn wir Westler nie wirklich die Faszination des Sumo-Ringens vollständig verstehen werden: Es wäre geradezu sträflich, die Sumo-Turniere auszulassen, die dreimal im Jahr im Nationalen Sumo-Stadium stattfinden. Die aktuellen Zeiten und alle Infos zu Tickets etc. unter www.sumo.or.jp/eng/ . Anreise: U-Bahn Ryogoku 両国駅
6. Tokio by bike Spätestens im Straßenverkehr merkt der Tokioter Besucher, dass diese Großstadt anders ist als ihre asiatischen Schwestern: Kein Gedrängel, Gehupe oder andere Regelbrüche. Japaner fahren im Allgemeinen so zivil Auto, dass man sogar ohne böse Hintergedanken eine Radtour empfehlen kann. Radverleihstationen ( www.tokyorentabike.com , www.tokyobike.com , www.coolbike.jp ) gibt es überall, und Vorsichtige dürfen sich sogar über einen weiteren Bonus freuen: In Tokio fahren auch Erwachsene meist auf dem Bürgersteig. Wer es eilig hat und in kürzester Zeit möglichst viel sehen will, entscheidet sich für eine der geführten Touren von www.tokyocycling.jp . Hier darf der Radler dann doch noch ein bisschen dem Tokio-Klischee frönen... fh
Weitere Destinationen unter www.businesstraveller.de
Tokio – Reise-Infos
Telefon-Vorwahl : 03
Währung: Die lokale Währung ist der Yen. 1 Euro entspricht derzeit zirka 103 Yen (Stand 09.10.2011), Kreditkarten werden in großen Hotels und Geschäften akzeptiert, Bargeld bleibt aber die beliebteste Zahlvariante.
Visa : EU-Bürger und Schweizer erhalten bei Ankunft automatisch eine Aufenthaltserlaubnis für 90 Tage. Weitere Infos gibt es bei der japanischen Botschaft in Berlin oder unter www.de.emb-japan.go.jp
Info : Unter www.yes-tokyo.de und beim japanischen Fremdenverkehrsamt unter www.jnto.de
Deutsche Botschaft vor Ort : 4-5-10, Minami-Azabu , Minato-ku, +81 (0)3- 5791-7700, ドイツ大使館, 東京都港区南麻布4丁目5-10
2. Guides
Buch: “Lonely Planet Tokio", Mairdumont, 296 Seiten, 19,95 Euro
Apps: (iPhone) Tokyo von www.mtrip.de, 4,99 Euro, (Android) City Guide Tokyo 1.0 von Nano Nino, 0,99 USD
3. Insider-Tipp: Nachtschwärmer aufgepasst: Wer gerne Feiern geht, ist in der größten Metropolregion der Welt gut aufgehoben. Aktuelle Tipps gibt es im Stadtmagazin Tokyo Journal www.tokyo.to . Wer vor den Cocktails gerne ausgiebig Tafeln möchte, ist mit der Webseite www.bento.com bestens beraten: Sie führt durch den kulinarischen Dschungel der mehr als 50.000 Restaurants im Tokioter Stadtgebiet.
4. Vorsicht, Falle: Trinkgelder sind in Japan nicht üblich und können beleidigend wirken.
5. Muss!!! Top für Tokio: Der World Adapter Evo von SKROSS schafft Unabhängigkeit im Land der aufgehenden Sonne – und in weiteren 150 Ländern dieser Welt. Mit dem leistungsstarken Leichtgewicht (der Adapter bringt nur 100 Gramm auf die Waage) mit integrierter 6,3-Ampere-Sicherung lassen sich zweipolige Geräte problemlos in Betrieb nehmen – ungeachtet der örtlichen Steckdosenstandards. Peis: circa 28 Euro. Infos unter www.skross.com
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